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Heute ist Sonntag, 20. Mai 2012
es ist 12:50

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

Es gibt Frauen, deren Vitalität und Energie verblüffen. Sie übermitteln eine positive Kraft, welche beeindruckt und ansteckend wirkt. Es scheint, dass sie trotz reiferem Alter die "ewige" Jugend beibehalten, aber dadurch ist ihr Stil von Persönlichkeit geprägt. Im Gespräch an einem ruhigen Ort, beinahe abseits von weltlichem Lärm, wo die Natur ihre ganze Gelassenheit vermittelt, ist man vom Gefühl überwältigt, dem Fluss der Zeit seinen Lauf zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten erlebt man eine Folge von positiven Vibrationen.

Eine dieser Frauen ist die Keramikkünstlerin Verena Eichenberger. Ich glaube, dass die Rolle dieser Künstlerin der Perspektive entspricht, welche Gegenstand unseres Gespräches bildet. Im Gespräch begleiten ihre Hände und ihre Körpersprache die jeweiligen Ausführungen und erreichen dadurch einen zusätzlichen Nachdruck in ihrem Bestreben, diese noch verständlicher zu machen. Sie will nicht nur mit Worten, sondern in diesem Falle auch mit Kunst ihren Gefühlen zusätzlichen Ausdruck verleihen. Die Gewohnheit,Tonerde zu modelieren, führt sie dazu, auch ihrer Umwelt, ihren Worten und ihren Gefühlen neue Formen zu verleihen. Ihre immense Vitalität und Willenskraft macht sie unwiderstehlich.

Ihre jüngsten Werke sind geprägt von sozialkritischen Betrachtungen, eine logische Folge ihrer Ausbildung und ihrer speziellen Visionen, welche eng mit der Welt des "Cabarett" verwurzelt sind. Ein Gedankengut, welches trotz "Abbruchstimmung" einen Hauch von Hoffnung aufkeimen lässt, da die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt stirbt. Bei Verena schlummert die Hoffnung in ihrer Fähigkeit, verschiedene Triebfedern so zu aktivieren, dass wir uns darüber Gedanken machen müssen, wie wir aus der sozialen Krise, in welche wir heute eingetaucht sind, herauswachsen können.

Im Jahre 2008 verblüffte sie die Leute von Jávea mit einer Keramikserie zum Thema "Moros y Cristianos" in Form einer Ausstellung im Casa del Cable (Haus des Kabels). Die Figuren brachten den Umzug der "Filas" der Moras y Cristianas als Einheit zur Darstellung. Die Farben und Kristallisierungstechnik der Figuren, sowie das bei solchen Festen zugehörende "Drum und Dran", konnte von einer grossen Zahl von Besuchern im Casa del Cable bewundert werden, was für dieses Hafenquartier Duanes del Mar einen historischen Markstein bedeutete.

Der Ausstellung in Jávea folgte als weiterer Höhepunkt ihr Exponat in der "Cava de los Calaveres" (Totenkopfhöle) in Benidoleig. Die Ausstellung dreht das Rad der Zeit um einige Jahrtausende zurück und zeigt eine Familie von Hölenbewohnern. Sogar eine ausgegrenzte Person, offensichtlich von Demenz gezeichnet, steht als Zeuge dafür, dass dieses Phänomen schon in prähistorischen Zeiten existierte. Allerdings behielten diese Personen in jener Gesellschaftsordnung einen gewissen Stellenwert und wurden nicht zu Opfern einer zusätzlichen Ausgrenzung, so wie das heute beinahe institutionalisiert ist.

Heute konzentriert sich das Kunstschaffen von Verena auf eine Serie von Werken unter dem Motto "El Espejo del Tiempo" (Der Spiegel unserer Zeit). Zur Darstellung gelangen alle Mangelerscheinungen, welche der heutigen Gesellschaft anhaften. Der Gedankenanstoss soll uns zur Fähigkeit verleiten, diese Mängel zu zerstören. Der Gesichtsausdruck verleiht den Figuren einen fast sonderbaren infantilen Nimbus, aber gleichzeitig wird ein tiefschürfender Eindruck vermittelt.

Unabhängig von diesen Werken ihrer persönlichen Kollektion, arbeitet Verena auch mit Keramikfiguren für den Verkauf oder als Auftragsarbeiten, welche für die Kasse einen willkommenen Zustupf bedeuten. So wartet in ihrem Atelier eine Meerjungfrau auf ihre Vollendung, was noch rund vier Wochen in Anspruch nehmen dürfte. Aber trotz intensiver Arbeit spürt man bei Verena die Freude und die Genugtuung etwas zu Schaffen, woran man Gefallen findet und was ihr Gesamtwerk abrundet.

Verena wurde im schweizerischen Kanton Bern geboren. Sie erlernte den Beruf einer Bäckerin-Konditorin (was ist die Arbeit als Konditorin mehr als eine Hingabe, wo Süssigkeiten entstehen und wo sich kleine Häppchen ergeben, welche den Geschmacksinn und die Lieblichkeit mit der Kunst vereinen), dazu Zeichnen und Formgestaltungstechnik als Schülerin der Malerin Rena Hubacher. Obwohl dies nicht genügen sollte, bleiben noch ihre Tätigkeit als Tanzlehrerin (Latino und traditionelle Tänze), sowie als Kindergärtnerin zu erwähnen.

Verena verfügt über ein ausgeprägtes Forschungstalent, was ihr erlaubte, das nötige Grundwissen für ihr Kunstschaffen zu erwerben: diverse Arten von Tonerde, Berufsliteratur, Brenntechniken, Geheimnisse von matten Farben und farbigen Glasuren. Daraus resultierte ihre ausgefeilte Arbeitsmethode für die Kreation ihrer Figuren: Tonlamellen, Arbeitsinstrumente für Formgestaltung und Lamellierung, Glasuren und Oxydation... und dies bis zur Vervollständigung ihrer persönlichen Figuren.

Heute bin ich zurück um mit ihr das Gespräch wieder aufzunehmen und zwar an einem Frühlingstag in der Urbanisation "Les Fonts" in Benitachell, wo Verena seit 1996 als Residentin lebt. In diesem Ambiente unter der warmen Frühlingssonne und einer Umgebung, wo sich die Natur in voller Blütenpracht zeigt, ergibt sich ein Gesprächsablauf in einer völlig entspannten Atmosphäre. Zuvor hatte ich Gelegenheit einen grossen Teil der Keramikwerke zu bewundern, welche sowohl im Garten wie auch innerhalb des Hauses ausgestellt sind. Nach dem Gespräch durfte ich Verena bei ihrer Arbeit über die Schultern gucken. Im Zentrum stand die werdende Meerjungfrau. Verena wurde nicht müde, diese Figur anzupacken und zu drehen, so dass alle ihre Facetten erkennbar wurden. Nachdem noch einige Retouchen angebracht wurden, mit dem Ziele, die gewünschte Formgebung optimal zu gestalten, wurde die Figur wieder auf ihrem ursprünglichen Podest plaziert. Verena hat Kraft in den Händen, ebenso wie Feingefühl und Sanftheit. Das Rohmaterial beschafft sie sich in Manises (nahe Flughafen Valencia) und haucht dieser leblosen Materie in Benitachell das Leben ein.

Meine Frage: "Wann und wie holst du dir deine Inspirationen?" Die Inspirationen erreiche sie im Bett, in einem Stadium des Halbschlafes, wo der Körper ruht, der Denkbereich jedoch noch sehr aktiv ist. Hier entsteht eine Welt der Fantasie und der Kunst, geprägt durch Einfachheit, Farbe und Anregung zu profunder Meditation.

Verena stellt ihre Werke seit 1995 aus, wo sie zum ersten Mal im Rahmen der Weihnachtsfeierlichkeiten in Thun (Bern/Schweiz) die Zeugen ihres Kunstschaffens der Öffentlichkeit zugänglich machen konnte. Gegenwärtig arbeitet sie innerhalb einer Gruppe von Künstlern an der Costa Blanca zusammen, mit dem Schwerpunkt, mindestens einen Teil ihres Wissens an ihre Kolleginnen weiterzugeben. Ihre Träume drehen sich um ein zukünftiges grosses Museum über Moros y Cristianos an der Costa Blanca. Ueber dieses Thema werden jedoch die Institutionen das Sagen haben und entsprechende Entscheide treffen.

Juan Bta. Codina Bas


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